426. Brief — An die Mutter Anna von Jesu, Priorin in Granada, und an die Nonnen dieses Klosters
Burgos, am 30. Mai 1582
Tadel wegen verschiedener Fehlgriffe, die bei der Gründung von Granada vorkamen.
Der Heilige Geist sei mit Euerer Ehrwürden!
Ihr ungestümes Wesen, womit Sie sich über unseren Pater Provinzial beklagen, nimmt sich neben dessen Vernachlässigung ganz sonderbar aus, da Sie ihm von dem Tage an, wo Sie ihm die erfolgte Gründung von Granada anzeigten, keine Nachricht mehr zukommen ließen. Geradeso haben Sie es auch mit mir gemacht.
Seine Paternität hat uns am Feste Kreuzauffindung besucht, und er wußte nichts von Ihnen, außer was ich ihm selbst auf Grund eines Briefes der Priorin von Sevilla mitgeteilt habe, worin sie mir berichtet, daß Sie ein Haus um 12000 Dukaten gekauft haben sollen. Da Ihre Verhältnisse so gut stehen, so ist es nicht zu viel, wenn man Ihnen nur eine bedingte Erlaubnis gab. Aber daß Sie sich auf so schlaue Weise dem Gehorsam zu entziehen verstanden haben, darüber war ich sehr betrübt; denn Ihr Betragen wird sich im ganzen Orden sehr schlecht ausnehmen. Freiheiten dieser Art können leicht zu Gewohnheiten ausarten, und den Priorinnen fehlt es nicht an Gründen, um sich reinzuwaschen.
Da diese Herrschaften, wie Sie sagen, so wenig Hilfsmittel besaßen, so war es sehr unklug von Ihnen, daß Sie so viele Nonnen mitgenommen haben; und nachdem diese armen Kleinen nach einer so langen Reise kaum angekommen waren, haben Sie dieselben wieder zurückgeschickt. Ich weiß nicht, wie Sie das Herz dazu hatten, so zu handeln. Jene, die von Veas gekommen waren, hätten in ihr Kloster zurückkehren können; auch hätten andere mit ihnen abreisen können. Es war ein vollständiger Mangel an Zartgefühl, in so großer Anzahl zu bleiben, besonders wenn Sie fühlten, daß Sie Ihren Gastgebern lästig fielen. Sie hätten keine Schwestern von Veas mitnehmen sollen, da Sie wußten, daß Sie kein eigenes Haus hätten. Ich staune wirklich über die Geduld, die man mit Ihnen hatte. Die ganze Sache war von Anfang an verfehlt. Da das einzige Mittel zur Abhilfe das ist, von dem Sie sprechen, so wenden Sie es an, bevor das Ärgernis noch größer wird! Nach Ihnen besteht das Ärgernis nur darin, daß man eine Schwester zuviel aufgenommen hat; aber das kommt mir meiner Ansicht nach als eine zu große Spitzfindigkeit vor in einer so stark bevölkerten Stadt.
Ich mußte herzlich lachen, als ich sah, daß Sie uns die Furcht einflößen wollten, der Erzbischof könnte das Kloster aufheben. Er hat dort nichts mehr nachzusehen, und ich weiß nicht, warum Sie ihm soviel Gewalt zuerkennen; er würde eher unterliegen als Erfolg haben. Für den Fall, daß das Kloster so weiterführt wie jetzt und unter uns die Grundsätze eines wenig gewissenhaften Gehorsams einführt, wäre es viel besser, wenn es gar nicht bestehen würde. Denn unser Gewinn besteht nicht darin, daß wir viele Klöster besitzen, sondern darin, daß deren Bewohnerinnen heilig leben.
Ich weiß nicht, wann man die Briefe, die Sie senden, unserem Vater übergeben kann. Ich fürchte, daß es vor eineinhalb Monaten nicht möglich sein wird, und dann weiß ich auch nicht, wem man sie anvertrauen soll, damit sie sicher an ihn gelangen. Er ist von hier nach Soria abgereist, und von dort aus hält er an so vielen Orten Visitation, daß man den Ort nicht genau weiß, wo er sich aufhält, noch auch, wann wir Nachricht von ihm erhalten werden. Meiner Berechnung nach dürfte er in Villanueva sein wegen der Ankunft dieser armen Nonnen. Der Schmerz und die Demütigung, die ihm dies verursachen wird, geht mir sehr zu Herzen. Denn der Ort ist so klein, daß die Rückkehr der Nonnen nicht geheim bleiben kann; und so wird Ihr unkluges Handeln uns viel schaden, wenn es einmal bekannt ist. Sie hätten sie ganz gut nach Veas senden und unseren Vater davon in Kenntnis setzen können. Denn Sie hatten keine Erlaubnis, sie in das Kloster zu senden, in das sie zurückgekehrt sind; und sie hätten dem Provinzial nicht unter die Augen treten sollen, da sie seiner Anordnung gemäß Konventualinnen des Klosters zu Granada waren. Nach meiner Ansicht hätte sich ein Mittel finden lassen, um alles in Ordnung zu bringen. Die Schuld liegt ganz allein bei Euerer Ehrwürden, da Sie ihm nicht mitteilten, welche Schwestern Sie von Veas mitnehmen würden und ob sich unter ihnen auch eine Laienschwester bestände. Sie haben sich um ihn nicht mehr gekümmert, als ob er Ihr Vorgesetzter nicht wäre.
Nach dem, was ich von ihm selbst vernommen habe, ist es ihm vor dem Winter unmöglich, nach Granada zu reisen, da er sehr in Anspruch genommen ist. Gebe Gott, daß der Provinzialvikar dorthin sich begeben kann! Man hat mir eben mehrere Briefe von Sevilla überbracht, und die Priorin teilt mir mit, daß die Pest dort wütet, obwohl man davon nichts verlauten läßt. Der Pater Provinzialvikar und Pater Bartholomäus von Jesu wurden davon ergriffen, was mich sehr schmerzt. Ich teile Ihnen dies mit für den Fall, daß Sie es nicht
wissen sollten. Empfehlen Sie und Ihre Töchter diese beiden Gott; denn der Orden würde an ihnen viel verlieren! Dem Pater Vikar geht es, wie mir die Mutter Priorin auf dem Briefumschlag mitteilt, etwas besser, allein er ist noch nicht außer Gefahr. Unsere Schwestern in Sevilla müssen sehr bekümmert sein und nicht ohne Grund. Sie sind Märtyrinnen, da sie in ihrem Kloster andere Prüfungen auf sich nehmen mußten als Sie; und doch beklagten sie sich nicht wie Sie. Sie sind gesund und haben das Nötige zum Leben, und es ist darum nicht so schrecklich, wenn Sie etwas in der Klemme sind. Außerdem sind Sie mit so vielen Predigten beglückt, und ich weiß nicht, worüber Sie sich so sehr beklagen; alles kann denn doch nicht nach Wunsch gehen.
Die Mutter Beatrix von Jesu schreibt an den Pater Provinzial, daß man den Pater Vikar erwartet, um die Schwestern von Veas und von Sevilla in ihre entsprechenden Klöster zurückzubringen. In Sevilla ist man nicht gewillt, sie aufzunehmen, und es ist dieses Kloster auch zu weit entfernt; zudem schickt sich dies in keiner Weise. Ist die Not wirklich so groß, wie Sie schreiben, so wird unser Vater es schon selbst sehen. Was die Rücksendung der Schwestern von Veas betrifft, so bin ich sehr dafür; wenn ich nicht fürchten würde, Ihnen Gelegenheit zu geben, Gott durch Ungehorsam zu beleidigen, so würde ich Ihnen einen ausdrücklichen Befehl geben, sie abreisen zu lassen. Denn in bezug auf die unbeschuhten Karmelitinnen habe ich in allem von unserem Pater Provinzial die weitgehendsten Vollmachten. Auf Grund dieser Vollmachten sage und befehle ich Ihnen, sobald als möglich Anstalten zu treffen, daß die Schwestern von Veas, mit Ausnahme der Mutter Priorin Anna von Jesu, in ihr Kloster zurückgeschickt werden, und dies selbst dann, wenn Sie schon ein eigenes Haus bezogen haben. Ich nehme nur den Fall aus, wenn Sie schon das nötige Einkommen hätten, um sich aus ihrer Not zu helfen; denn es ist in keiner Weise ratsam, mit so vielen Nonnen eine Gründung zu beginnen; im Gegenteil ist die Maßnahme, von der ich eben spreche, aus vielen anderen Gründen gut.
Ich habe in den letzten Tagen diese Angelegenheit immer unserem Herrn empfohlen, und deshalb wollte ich Ihnen nicht gleich Antwort auf Ihren Brief geben. Nun habe ich erkannt, daß diese Entscheidung zur Ehre Seiner Majestät gereicht. Je schmerzlicher die Schwestern es empfinden, desto mehr wird Gott verherrlicht. Denn jede Art besonderer Anhänglichkeit, selbst an die Oberin, ist ganz gegen den Geist der unbeschuhten Karmelitinnen; dadurch würde man jeden Fortschritt im geistlichen Leben verhindern. Gott will, daß seine Bräute frei seien und ihm allein mit ganzer Seele anhängen. Ich wünsche nicht, daß Ihr Kloster einen ähnlichen Anfang nimmt wie das zu Veas. Ich kann den Brief nie vergessen, den mir die Nonnen jenes Klosters schrieben, als Sie Ihr Amt als Priorin niederlegten; selbst eine beschuhte Karmelitin hätte nie einen solchen Brief schreiben dürfen. Das ist der Anfang des Parteigeistes und mehrerer anderer sehr bedeutender Mißstände, die man anfänglich kaum merkt. Ich bitte Sie deshalb um der Liebe willen, für diesmal einzig meiner Ansicht sich fügen zu wollen. Wenn Sie in Granada festeren Fuß gefaßt haben und die Schwestern von Veas ihre Anhänglichkeit mehr verloren haben, werden sie wieder zurückkommen können, wenn man es für gut findet.
Ich kenne wirklich jene nicht, die mit Ihnen gezogen sind; Sie haben es mir und unserem Vater gegenüber sehr gut zu verheimlichen vermocht. Auch vermutete ich nicht, daß Sie so viele von Veas mitgenommen hätten; ich glaube aber, daß diese große Anhänglichkeit an Euere Ehrwürden haben. Ach, der wirkliche Geist des Gehorsams kennt kein Widerstreben gegen die Liebe zu den Vorgesetzten; ihm genügt es, jemand die Stelle Gottes einnehmen zu sehen. Um der Liebe Gottes willen bitte ich Sie, zu beachten, daß Sie Seelen erziehen, die Bräute des Gekreuzigten sein sollen. Kreuzigen Sie darum diese in der Weise, daß sie keinen Eigenwillen mehr haben und sich nicht mehr mit Kindereien befassen! Bedenken Sie, daß Sie unseren Orden in ein neues Königreich verpflanzen, und aus diesem Grunde sind Sie und Ihre Töchter in höherem Grade verpflichtet, sich als tapfere Männer und nicht als schwächliche Frauen zu erzeigen.
Was, meine Mutter, Sie kümmern sich darum, ob Sie der Pater Provinzial Vorsteherin, Priorin oder Anna von Jesu nennt? Was soll das bedeuten? Es ist selbstverständlich, daß er, falls Sie nicht Vorsteherin wären, keinen Grund gehabt hätte, Ihnen einen höheren Titel zu geben als den anderen; denn manche von Ihnen sind auch schon Priorinnen gewesen wie Sie. Sie haben ihm so wenig Mitteilungen gemacht, daß er nicht einmal weiß, ob man die Wahl der Priorin vorgenommen hat oder nicht. Es ist wirklich eine Schmach für mich, daß unbeschuhte Karmelitinnen auf solche Kleinigkeiten noch etwas halten mögen, ja daß sie sich damit im Geiste beschäftigen, sich darüber besprechen und daß die Mutter Maria von Christus dieser Sache eine solche Wichtigkeit beilegt. Entweder sind die Nonnen in ihren Widerwärtigkeiten um den Versand gekommen, oder es führt der Teufel in unserem Orden höllische Grundsätze ein. Trotzdem rühmt die Mutter Maria von Christus Ihren Mut, als ob die Demut Ihnen das Verdienst rauben könnte. Möge Gott meine unbeschuhten Karmelitinnen recht demütig, gehorsam und unterwürfig machen! Denn ohne diese Tugenden ist alle Tatkraft nur die Quelle großer Unvollkommenheiten.
Eben fällt mir ein, daß Sie mir in einem früheren Briefe mitteilten, Sie hätten eine Nonne von Veas mitgenommen, weil sie in Granada Verwandte habe, weswegen sie Ihnen nützlich sein könnte. Ist dies wirklich so, so soll sie die Mutter Priorin, wenn sie es für gut findet, behalten; ich überlasse es ihrem Gewissen, die anderen aber soll sie nicht in Granada lassen.
Ich bin überzeugt, daß Euere Ehrwürden bei diesen ersten Anfängen vieles auszustehen haben werden. Wundern Sie sich nicht darüber; denn ein so erhabenes Werk kann nicht ohne Widerwärtigkeiten zustande kommen; aber der Lohn, der darauf folgt, ist groß. Gebe Gott, daß die Unvollkommenheiten, denen ich selbst bei diesen Gründungen unterworfen bin, nicht mehr Strafe als Lohn eintragen! Das ist beständig der Gegenstand meiner Befürchtung.
Der Priorin von Veas schreibe ich, sie möge zur Bestreitung der Reisekosten beitragen, da Sie selbst wenig Mittel haben. Ich teile ihr auch mit, daß ich, wenn Ávila so nahe bei Granada wäre wie Veas, mit der größten Freude meine Schwestern wieder zurückkommen lassen würde. Das wird sich mit Gottes Hilfe später ausführen lassen. Sie dürfen ihnen sagen, daß sie, wenn die Gründung einmal vollendet ist, wieder in ihr Kloster zurückkehren sollten, vorausgesetzt daß infolge der Aufnahme mehrerer Novizinnen ihre Gegenwart in Granada nicht mehr notwendig ist.
Vor kurzem habe ich einen langen Brief an Euere Ehrwürden, an alle Mütter in Granada und an Pater Johannes [vom Kreuz] gesendet. Da ich Ihnen darin über die Vorgänge in Burgos Bericht erstattete, so hielt ich es für gut, diesmal an Sie alle auf einmal zu schreiben. Gebe Gott, daß Sie sich in Anbetracht dieser Umstände nicht darüber beschweren, wie Sie es getan, als unser Vater Sie Vorsteherin nannte! Bis zum Tage der Wahl, zu der unser Vater hierher kam, nannten wir jene, die an der Spitze der Gemeinschaft stand, auch Vorsteherin und nicht Priorin. Es ist dies ja doch ganz gleich. Ich vergesse immer, wenn ich Ihnen schreibe, Ihnen mitzuteilen, daß die Schwestern in Veas, wie man mir sagte, auch nach dem Kapitel noch immer sich zur Kirche begeben, um sie zu zieren. Ich kann nicht begreifen, daß man so handelt, da selbst der Provinzial diese Erlaubnis nicht erteilen kann. Das Verbot geht aus von einem motu proprio des Papstes, das dessen Übertretung mit der schweren Strafe der Exkommunikation belegt, abgesehen von den Satzungen, die dies ausdrücklich verbieten. Diese Maßnahme war uns anfangs sehr unangenehm, jetzt aber sind wir darüber sehr froh. Auch darf man jetzt nicht mehr hinausgehen, um das Straßentor zu schließen. Die Schwestern in Ávila wissen sehr gut, daß dies verboten ist; und ich begreife nicht, warum sie Ihnen dies nicht mitgeteilt haben. Fügen sich Euere Ehrwürden um der Liebe willen diesem Verbote, und Gott wird Ihnen jemand schicken, der die Ausschmückung der Kirche besorgt; man kann sich immer helfen...
Es fällt mir jedesmal schwer, wenn ich daran denke, wie sehr sich diese Herrschaften belästigt fühlen müssen. Sehen Sie sich doch, wie ich Ihnen neulich geschrieben habe, um ein Haus um, wenn es auch nicht ganz passend und bequem ist! So ungenügend auch die Wohnungsverhältnisse darin sein mögen, so werden Sie doch nicht so gebunden sein. Aber wäre dies auch der Fall, so ist es doch besser, wenn Sie leiden als jene, die Ihnen so viel Gutes erweisen. Ich schreibe an Doña Anna; denn ich möchte ihr meine innige Dankbarkeit zum Ausdruck bringen für die Wohltaten, die sie uns erwiesen hat. Sie wird bei unserem Herrn nichts verlieren, und das ist die Hauptsache.
Wenn Sie unseren Vater um etwas bitten, so bedenken Sie, daß Sie ihm lange nicht mehr geschrieben haben! Ich werde ihm, ich wiederhole es, Ihre Briefe nicht so bald übersenden können. Doch werde ich mir dies angelegen sein lassen. Er muß von Villanueva nach Daimiel reisen, um vom dortigen Kloster Besitz zu ergreifen; dann wird er sich nach Malagón und Toledo begeben. Von da wird er unmittelbar nach Salamanka und Alba reisen und muß, ich weiß nicht, bei wie vielen Priorinnenwahlen den Vorsitz führen. Er sagte mir, daß er vor August nicht nach Toledo zu kommen gedenke. Es macht mir große Sorge, daß er in so heißen Gegenden so lange Reisen unternehmen muß. Mögen ihn alle Schwestern Gott empfehlen! Tragen Sie Sorge, ihm, soweit es Ihnen möglich ist, durch Vermittlung Ihrer Freunde ein Zimmer bereitzustellen!
Die Schwestern könnten ganz gut in Granada bleiben, bis man ihm von allem Nachricht gegeben hat und er sieht, was das Geeignetste ist. Denn man hat ihm darüber noch gar nichts mitgeteilt, und niemand hat ihm den Grund angegeben, warum man sie nicht behalten kann. Gott möge uns erleuchten, da wir so wenig Aussicht auf Erfolg haben, und Euere Ehrwürden behüten! Amen.
Heute ist der 30. Mai.
Euerer Ehrwürden Dienerin
Theresia von Jesu
Der Mutter Priorin von Veas schreibe ich bezüglich der Reise der Nonnen und ersuche sie, diese möglichst geheimzuhalten. Aber wenn man davon Kenntnis erhält, liegt auch nicht viel daran. Lassen Euere Ehrwürden diesen Brief auch der Mutter Subpriorin, Ihren Begleiterinnen und auch dem Pater Johannes vom Kreuze lesen! Mein Kopf erlaubt mir nicht, noch mehrere Mitteilungen zu machen.
