217. Brief — An Pater Hieronymus Gracián in Alcalá oder in Pastrana
Ávila, am 16. Februar 1578
Die Angelegenheit des Paters Salazar. Übersendung der Briefe des Paters Provinzial und des Paters Rektor der Gesellschaft Jesu an Pater Gracián.
Jhs
Die Gnade des Heiligen Geistes sei mit Ihnen, mein Vater, und verleihe Ihnen für die heilige Fastenzeit hinreichende Gesundheit, um die Arbeiten auf sich nehmen zu können, die, wie ich voraussehe, Ihrer warten!
Ich denke mir, daß Sie wieder bald an diesem, bald an jenem Orte predigen werden. Geben Sie ja acht, daß Sie auf Ihren Reisen nicht stürzen. Denn seitdem mein Arm gebrochen ist, bin ich in dieser Hinsicht noch mehr um Sie besorgt. Dieser Arm ist immer noch angeschwollen sowie auch die Hand. Es ist ein Safranpflaster übergelegt, das mir wie ein Harnisch vorkommt, so daß ich ihn wenig gebrauchen kann.
Eben jetzt herrscht große Kälte, wie wir sie nur im Anfang des Winters gehabt haben. Sonst war bisher die Witterung sehr gut. In Toledo war die Kälte weit empfindlicher, wenigstens hatte ich darunter mehr zu leiden als hier. Vielleicht kommt dies daher, daß nach Ihrer Anordnung an dem Zimmerchen, das neben jenem gelegen ist, das Sie zum Krankenzimmer bestimmt haben, eine Türe angebracht wurde, so daß es einer Wärmstube gleicht. Kurz, ich habe mich bei der gegenwärtigen Kälte außerordentlich wohl befunden. Euere Paternität treffen eben in Ihren Anordnungen immer das Rechte. Gott gebe, daß ich es auch Ihnen gegenüber im Gehorsam immer so treffen möge!
Ich möchte gerne wissen, ob die Besserung des Paters Anton von Jesu vorwärtsschreitet und wie es dem Pater Mariano geht, der mich so ganz vergessen hat. Dem Pater Bartholomäus bitte ich meine Empfehlungen zu entrichten.
Hier sende ich Ihnen einen Brief, den mir der Provinzial der Gesellschaft Jesu in der Angelegenheit des Carillo geschrieben hat. Dieser Brief hat mich so gekränkt, daß ich dem Pater Provinzial bald noch derber geantwortet hätte, als es wirklich geschehen ist. Denn ich bin mir bewußt, ihm gesagt zu haben, daß ich an dem Plane, den Orden zu wechseln, keinen Anteil hatte, und es ist dies auch Wahrheit. Als ich davon Kunde erhielt, empfand ich, wie ich Euerer Paternität schrieb, großes Leid, und es war mein sehnlichster Wunsch, es möchte die Sache keinen weiteren Fortgang nehmen. Ich schrieb dem Pater Salazar, so eindringlich ich nur konnte, wie ich es auch in der Antwort an den Pater Provinzial eidlich beteuert habe.
Diese Väter sind nämlich, wie mir schien, so gesinnt, daß sie mir nicht geglaubt haben würden, wenn ich nicht in so ernster Form gesprochen hätte. Es liegt aber sehr viel daran, daß sie mir Glauben schenken, da es in dem Briefe hieß, ich stützte mich aus vermeintliche Offenbarungen. Sie dürfen keineswegs denken, daß ich den Pater Salazar durch Mitteilung solcher Offenbarungen überredet habe. Das wäre eine große Lüge. Übrigens kann ich Euerer Paternität versichern, daß ich mich vor ihren Drohungen wenig fürchte; ich muß selbst staunen über die Freiheit, die mir Gott verleiht. Ich habe auch dem Pater Rektor erklärt, daß weder die gesamte Gesellschaft Jesu noch auch die ganze Welt imstande sein werden, mich von der Förderung eines Werkes abzuhalten, von dem ich erkenne, daß es zur Ehre Gottes gereicht.
Auch habe ich ihm angedeutet, daß ich an jenem Vorhaben des Paters Salazar keinen Anteil hatte und auch fernerhin nicht auf ihn einwirken werde, davon abzustehen. Daraufhin bat er mich, ich möchte dem Pater Salazar, wenn ich auch sonst nichts tun wollte, wenigstens einen Brief schreiben und ihm das sagen, was ich im beiliegenden Brief andeute, nämlich daß er sein Vorhaben nicht ausführen könne, ohne der Exkommunikation zu verfallen. Ich fragte nun den Pater Rektor: »Kennt dieser Pater die diesbezüglichen Breven?« »Besser als ich«, antwortete er darauf. »Nun gut«, erwiderte ich, »dann bin ich sicher, daß er nichts unternehmen wird, was er als eine Beleidigung Gottes erkennt« Daraufhin bemerkte der Pater Rektor noch: »Pater Salazar könnte sich immerhin von seiner großen Liebe zu unserem Orden täuschen und zur Ausführung seines Vorhabens mitfortreißen lassen.« Ich schrieb ihm deshalb auf demselben Wege einen Brief, auf dem er mir den beiliegenden zusandte.
Da sehen Euere Paternität meine Offenheit. Ich habe aus klaren Anzeichen erkannt, daß jene Väter meinen Brief an Pater Salazar gesehen haben, obwohl ich nichts davon merken ließ. In diesem Briefe sagte ich ihm nun, er möge seinen Mitbrüdern nicht trauen; Joseph habe es auch mit Brüdern zu tun gehabt. So habe ich mich ausgedrückt, weil ich wußte, daß jene meinen Brief zu Gesicht bekommen würden; denn ohne Zweifel waren es die eigenen Freunde des Paters Salazar, die den Pater Provinzial von seinem Vorhaben in Kenntnis gesetzt haben. Dies wundert mich auch nicht, da ein solcher Schritt für sie überaus peinlich wäre. Sie müssen nämlich fürchten, es könnte dies der Anfang zu nachfolgenden Übertritten in unseren Orden sein.
Ich fragte nun den Pater Rektor, ob noch kein Jesuit zu den Unbeschuhten übergetreten sei. Und er antwortete: »Ja, zu den Franziskanern, aber erst, nachdem man sie ausgestoßen und ihnen die Erlaubnis zum Übertritt gegeben hatte. Darauf entgegnete ich ihm, daß sie in diesem Falle dasselbe tun könnten. Allein das wollten sie nicht, und ich bin auch nicht willens, dem Pater Kaspar anzuraten, diesen Schritt zu unterlassen. Ich beschränke mich, wie ich es im beiliegenden Brief getan, nur darauf, ihn zu warnen, alles andere aber Gott zu überlassen. Ist es Gottes Werk, so werden die Väter der Gesellschaft Jesu ihre Einwilligung geben. Tun sie dies nicht, dann darf es, wie ich bemerkte und wie mir jene erklärten, die ich befragte, offenbar nicht geschehen. Sie müssen sich [wahrscheinlich] auf das allgemeine Recht berufen wie jener andere Rechtsgelehrte, der mich bei der Gründung von Pastrana überredete, ich könnte eine Augustinernonne aufnehmen; allein er täuschte sich. Daß jetzt der Papst die Erlaubnis gebe, glaube ich nicht, da man diesem Pater alle Wege zu ihm versperrt hat.
Wollen Euere Paternität sich selbst erkundigen und diesem Pater davon Mitteilung machen; denn es würde mir sehr leid tun, wenn er irgendwie Gott beleidigte. Allein ich bin überzeugt, daß er es nicht tun wird, sobald er davon Kenntnis bekommt.
Es macht mir diese Angelegenheit große Sorge. Soll er jetzt bei den Vätern der Gesellschaft Jesu bleiben, nachdem diese wissen, daß er gerne bei uns wäre, so wird er nie zu seinem früheren Ansehen kommen. Es geht auch nicht an, daß wir ihn aufnehmen, außer er tut diesen Schritt in ganz gesetzmäßiger Weise. Dabei kann ich aber nie vergessen, welchen Dank wir stets der Gesellschaft Jesu schuldig sind. Daß uns aber die Väter dieser Gesellschaft Schaden zufügen, kann ich nicht glauben, das wird ihnen Gott in keiner Weise gestatten. Ihn aus Furcht vor seinen Mitbrüdern nicht aufnehmen, obwohl wir es könnten, das hieße ihn schlecht behandeln und seine Liebe zu uns mit Undank lohnen. Möge Gott alles leiten! Er wird gewiß auch diese Angelegenheit in die Hand nehmen. Übrigens fürchte ich doch, er habe sich durch jene Offenbarungen, die er beim Gebete erhalten, zu sehr beeinflussen lassen; er hat ihnen, wie man mir sagte, allzu großen Glauben beigemessen. Ich habe ihm das oft vorgehalten, allein dies reicht nicht hin.
Auch bin ich darüber besorgt, ob nicht etwa die Nonnen von Veas ihm hierüber Mitteilung gemacht haben; denn Katharina von Jesu zeigte große Lust, ihn zu uns herüberzuziehen. Das beste von allem ist, daß Pater Salazar ein großer Diener Gottes ist; und wenn er sich auch täuscht, so meint er dabei doch, er vollziehe den Willen Gottes. Seine Majestät wird für ihn Sorge tragen. Immerhin aber hat er uns ins Gerede gebracht; und hätte ich nicht von Joseph vernommen, was ich Euerer Paternität schrieb, Sie dürften sicher glauben, daß ich alle meine Kraft darangesetzt hätte, um ihn von diesem Vorhaben abzubringen. Allein, wenn ich auch auf solche Offenbarungen nicht soviel halte wie er, so empfinde ich doch ein großes Widerstreben in mir, ihm Hindernisse in den Weg zu legen. Kann ich denn wissen, ob das Seelenheil dieses Mannes dadurch nicht großen Schaden leidet? Denn, glauben mir Euere Paternität, Pater Salazar hat meines Erachtens nicht den Geist für jenen Stand, in dem er sich jetzt befindet, und ich habe mir immer gedacht, daß er noch bei uns eintreten muß.
Während diese Angelegenheit verhandelt wurde, schrieb mir Ardapilla, ich möchte die Raben bestimmen, sich an Johannes zu wenden und ihn zu ersuchen, jemand nach Ávila zu senden, der in dieser Angelegenheit eine Entscheidung treffe. Es würde mich sehr freuen, wenn dies ohne meine Mitwirkung geschehen könnte. Allein es zeigten sich so viele Schwierigkeiten, daß ich mich bei ihm entschuldigte, so gut ich es konnte. Ich sehe wohl ein, daß Ardapilla mir diesen Rat gab, um uns einen Dienst zu erweisen; allein, glauben mir Euere Paternität, wenn man dieses Übel nicht an der Wurzel angreift, dann ist eine Heilung unmöglich; dies kann nur geschehen, wenn Paulus die Sache in die Hand nimmt. Möge der Herr dies bewirken! Es ist dies mein innigster Wunsch. Es schmerzt mich sehr, sehen zu müssen, daß ich der Stein des Anstoßes bin, weswegen alle darunter zu leiden haben. Ich habe schon mehrmals gesagt, ob nicht etwa dadurch Abhilfe geschaffen werden könnte, wenn man mich wie den Jonas ins Meer werfen würde, damit der Sturm sich lege. Vielleicht sind meine Sünden schuld, daß er entstanden ist.
Die Priorin von Sevilla schreibt mir, ich möchte Euere Paternität bitten, daß Sie die Erlaubnis zur Aufnahme einer anderen Schwester der Portugiesin Blanka geben, die noch nicht das erforderliche Alter hat, sondern in dieser Hinsicht noch weit zurück sein muß. Ihre Aufnahme wäre für das Kloster von Nutzen, da es dadurch von der Last des Zinsenzahlens befreit würde; ich erinnere mich indessen nicht mehr, wieviel der zu zahlende Zins noch ausmacht. Tritt diese in den Orden ein oder leihen die Eltern, nachdem sie die Aussteuer für die erstere bezahlt haben, das dem Kloster, was für diese zweite zu bezahlen ist, oder bezahlen sie für deren Verpflegung den vom Kloster zu leistenden Zins, so wäre das nicht übel. Diese Nonnen können mir nicht genug davon erzählen, wie sehr sie dieser Portugiesin zum Danke verpflichtet sind. Euere Paternität werden diese Angelegenheit prüfen und anordnen, was Ihnen als das beste erscheinen wird.
Wenn ich an Sie schreibe, weiß ich an kein Ende zu kommen. Mein Bruder trägt mir immer [wenn er mir schreibt] freundliche Grüße an Euere Paternität auf. Wollen Sie diese jetzt alle miteinander annehmen sowie auch die Grüße sämtlicher Nonnen! Unser Herr erhalte Sie und führe Sie bald hieher! Es ist dies für meine Seele und in bezug auf andere Dinge, die Ihnen alle bekannt sind und die ich deshalb hier nicht erwähne, sehr notwendig. Doña Guiomar ist krank; sie kommt selten ins Kloster; denn die Unpäßlichkeit, an der sie leidet, macht sie ganz elend.
Senden Euere Paternität beiliegenden Brief sobald als möglich an Pater Salazar, und zwar unter der Adresse des Priors von Granada, damit ihn dieser ihm im geheimen übergebe. Legen Sie ihm dies recht ans Herz; denn ich fürchte, Pater Salazar möchte wieder an mich oder an eine unserer Nonnen in betreff der Gesellschaft Jesu schreiben, und seine Schriftzüge sind sehr deutlich. Über Madrid wird der Brief auch sicher an ihn gelangen, wenn sie ihn dem Rochus besonders empfehlen und ein gutes Porto bezahlen, das Sie aber dem Maultiertreiber selbst übergeben müssen. Achten Sie, mein Vater, darauf, daß Sie hierin nichts vergessen! Dieser Brief ist notwendig, damit Pater Salazar in seiner Angelegenheit nichts weiter unternimmt, wenn er es nicht schon getan hat. Ratsam dürfte es meines Erachtens sein, daß Euere Paternität mit der Erteilung der Erlaubnis zögern; dies wird nur zu seinem Besten sein. Gott verleihe Euerer Hochwürden, mein Vater, seine Huld, wie ich sie Ihnen wünsche! Amen.
Heute ist der erste Sonntag in der Fasten. Der beiliegende Brief des Paters Provinzial samt der Antwort könnte für uns einmal noch von Bedeutung sein. Zerreißen Sie darum beide Schriftstücke nicht, wenn Sie nicht anderer Ansicht sind.
Euerer Paternität unwürdige Dienerin und Tochter
Theresia von Jesu
