335. Brief — An Don Didakus de Mendoza
Valladolid, am 21. August 1580
Freude über den Empfang seines Briefes. Mahnung, für sein Seelenheil Sorge zu tragen. Verschiedene Angelegenheiten.
Jhs
Der Heilige Geist sei allezeit mit Euerer Gnaden! Amen.
Ich versichere Sie, ich kann den Grund nicht begreifen, warum unsere Schwestern und ich über Ihren Brief so erfreut und getröstet sind.
Wir erhalten zwar viele Briefe und sind es auch gewohnt, Gunstbezeigungen und Wohlwollen von angesehenen Personen zu empfangen; allein dies alles macht auf uns keinen so tiefen Eindruck wie Ihr Brief. Es muß da eine geheime Ursache vorhanden sein, die wir nicht zu entdecken vermögen. Ich habe diese Wirkung in der Tat bei den Schwestern und bei mir genau beobachtet.
Man gibt uns nur eine Stunde Zeit zur Antwort, da, wie man sagt, der Bote sogleich wieder abreist; die Schwestern aber wünschten nach meiner Ansicht mehr Zeit zu haben, um den ihnen von Euerer Gnaden erteilten Auftrag mit Sorgfalt ausführen zu können. Ihre Base meint, daß ihre Worte Eindruck bei Ihnen machen. Freilich, wenn die Wirkung der guten Absicht entsprechen würde, womit sie dies sagt, dann wäre ich vollkommen überzeugt, daß ihre Worte den von ihr beabsichtigten Zweck hervorbrächten; allein das ist Sache unseres Herrn, und Seine Majestät allein kann die Herzen rühren. Der Herr erweist uns schon dadurch eine sehr große Gnade, daß er Sie erleuchtet, um den wahren Wert dieser irdischen Dinge zu erkennen, und in Ihnen das Verlangen erweckt, davon frei zu sein. Beides aber muß doch wohl bei einem so einsichtsvollen Mann wie Sie allmählich die erhabensten Wirkungen hervorbringen. Ich kann Ihnen in aller Wahrheit sagen, daß ich mit Ausnahme der Angelegenheiten des Herrn Bischofs zur Zeit nichts weiß, was meine Seele mit innigerer Freude erfüllen könnte, als das Bewußtsein, daß Sie Herr über sich selbst sind. Ich habe mir auch wirklich gedacht, daß nur Gott allein das Verlangen Ihrer hochherzigen Seele erfüllen könne. Darum hat Ihnen Seine Majestät schon eine Gnade erwiesen, indem sie zuließ, daß jene unbekümmert um Sie sind, die auf Erden noch einen Ihrer Wünsche hätten erfüllen können. Verzeihen Euere Gnaden, daß ich eine so unbesonnene Sprache führe! Aber so ist es eben: Die Verwegensten und Schlimmsten sind immer am unbesonnensten; erweist man ihnen auch nur eine geringe Freiheit, dann nehmen sie sich gleich allzuviel.
Pater Hieronymus Gracián freute sich sehr über Ihren Gruß. Ich kenne seine Liebe zu Ihnen und sein Verlangen, Ihnen zu dienen, und ich glaube, daß dieses Verlangen noch größer ist, als es sein sollte. Frommen Seelen, mit denen er verkehrt, legt er ans Herz, für Sie zu unserem Herrn zu flehen; und sein Wunsch, Sie möchten daraus Nutzen ziehen, ist so groß, daß ich zu Seiner Majestät hoffe, sie werde ihn erhören. Er ist nämlich, wie er mir eines Tages sagte, nicht damit zufrieden, daß Sie recht fromm sind, er will Sie auch recht heilig sehen.
Meine Wünsche aber sind viel bescheidener; ich wäre schon damit zufrieden, daß Sie sich mit dem begnügten, was für Sie allein notwendig ist, und daß Ihre Liebe nicht allzusehr auf die Sorge um das Wohl anderer bedacht sei. Würden Sie nämlich einzig auf Ihre Ruhe bedacht sein, so könnten Sie diese jetzt schon genießen und sich dann mit dem Erwerbe ewiger Güter befassen. Sie könnten sich dann ganz dem Dienste dessen weihen, der Sie ewig bei sich haben und ohne Unterlaß mit seinen Freuden erfüllen will.
Wir wußten schon, auf welchen Tag das Fest des Heiligen fällt, von dem Euere Gnaden reden. Wir sind alle übereingekommen, an diesem Tage die heilige Kommunion für Sie aufzuopfern. So können wir etwas von unserer Schuld abtragen. Wir werden uns an diesem Tage recht um Ihretwillen freuen und ihn auf die bestmögliche Weise zu heiligen suchen. Die guten Dienste, die Sie mir erweisen, sind für mich das Unterpfand dafür, daß ich Sie noch um viele andere bitten darf, wenn ich sie benötige. Aber unser Herr weiß es, daß Sie mir die größte Gnade erweisen würden, wenn Sie sich da befanden, wo Sie mir trotz des besten Willens keinen jener Dienste mehr erweisen könnten, von denen Sie sprechen. Immerhin aber werde ich mich, wenn ich in Not bin, an Euere Gnaden als an den Herrn dieses Klosters wenden.
Ich begreife jetzt, in welcher Verlegenheit sich die Schwestern Maria, Elisabeth und Ihre Base befinden, wenn sie Ihnen antworten sollen. Die kleine Elisabeth vom heiligen Judas, die das Schreiben nicht gewohnt ist, schweigt; und ich weiß nicht, was sie in ihrer Stellung Ihnen sagen könnte. Ich habe mir vorgenommen, kein Wort in den Briefen unserer Nonnen zu verbessern; Euere Gnaden müssen die Fehler hinnehmen, da Sie ihnen den Auftrag zum Schreiben gegeben haben. Freilich ist es keine kleine Abtötung für Sie, ihre Albernheiten zu lesen, wie es auch kein geringer Beweis Ihrer Demut ist, daß Sie
sich für so unbedeutende Persönlichkeiten interessieren. Unser Herr möge uns so machen, daß Ihr gutes Werk nicht unbelohnt bleibe und wir Seine Majestät in würdiger Weise um Belohnung Ihrer Person zu bitten wissen!
Heute ist Sonntag; ich weiß aber nicht, ob es der 20. August ist.
Euerer Gnaden unwürdige Dienerin und wahre Tochter
Theresia von Jesu
