376. Brief — An den Lizentiaten Dionysius Ruiz de la Peña, Beichtvater des Kardinals de Quiroga, in Toledo
Soria, am 30. Juni 1581
Verteidigung gegen den Vorwurf, als hätte sie Doña Helena gegen den Willen des Kardinals zum Eintritt in den Karmel aufgefordert.
Jhs
Die Gnade des Heiligen Geistes sei mit Ihnen!
Ich hatte vor einem Tage einen eigenen Boten, durch den mir meine Gebieterin Doña Luise einen Brief übersandte, abgefertigt, als man mir den Ihrigen überbrachte. Es hat mir dies sehr leid getan, da ich Ihnen gerne sogleich auf Ihren Brief geantwortet hätte. Nun weiß ich nicht, wann ich diesen Brief abschicken kann, da zwischen Soria und Madrid kein gewöhnlicher Postverkehr besteht. Es wäre mein Wunsch, daß es recht bald geschähe, damit Sie sich überzeugen, daß nur eine geringe oder vielmehr gar keine Schuld in dieser Beziehung mich trifft. Dies ist volle Wahrheit. Eben aus Rücksicht auf die von Ihnen erwähnte Verwandtschaft dieser Dame mit Seiner durchlauchtigsten Gnaden habe ich dem Kardinal nichts gesagt von den Anstrengungen, die es mich gekostet hat, den Eintritt seiner Nichte in eines unserer Klöster zu verhindern. Wenn Pater Balthasar Alvarez, der Provinzial der Gesellschaft Jesu in der Provinz Toledo war, noch am Leben wäre, so hätte ich einen vollgültigen Zeugen von der Wahrheit dessen, was ich behaupte. An diesen stellte ich nämlich die Bitte, er möchte diese Dame, da sie zu ihm mehr Vertrauen hatte als zu jedem anderen, von ihrem Vorhaben abbringen; er hatte mir versprochen, in diesem Sinne zu handeln.
Schon seit einigen Jahren habe ich mich diesem Vorhaben widersetzt, und dies, glauben Sie es mir, nicht etwa deshalb, weil ich dachte, Seine durchlauchtigste Gnaden verweigere seine Einwilligung, sondern weil ich befürchtete, es möchte uns hier dasselbe begegnen, was wir an einer anderen Dame erlebten, die unter Zurücklassung ihrer Töchter in eines unserer Klöster eingetreten ist. Man hat diese ohne meine Zustimmung aufgenommen, da ich damals fern von jener Stadt mich befand, wo sie ins Kloster trat. Seitdem sind nun zehn Jahre verflossen, und ich kann Sie versichern, daß diese Jahre voll von Unruhe und großer Trübsale waren. Gleichwohl ist diese Dame eine große Dienerin Gottes, und ich kann mir nur denken, Gott lasse dies zu, damit sie samt ihren Töchtern und den Nonnen dafür büße, daß man die Ordnung, die die Liebe erforderte, nicht beachtete. In dieser Weise habe ich mich auch in unseren Klöstern hierüber ausgesprochen, und ich weiß gewiß, daß die Priorin von Medina jedesmal recht schmerzlich berührt wird, so oft ihr der Gedanke kommt, es möchte der Eintritt der Doña Helena sich verwirklichen. Es ist dies volle Wahrheit, woraus Sie erkennen mögen, daß der Teufel selbst die Ursache davon ist, wenn man mir das Gegenteil nachsagt.
Unser Herr pflegt mir die Gnade zu erweisen, daß ich mich freue über solche Anschuldigungen, die man gegen mich erhebt und deren es im Laufe meines Lebens nicht wenige gegeben hat. Diesmal aber hat mich die Anschuldigung förmlich geschmerzt; dazu hätte ich schon Grund genug, wenn Seine durchlauchtigste Gnaden mir auch keine andere Gnade und Huld erwiesen hätte, als daß er mir gestattete, bei meiner Durchreise durch Toledo seine Hand zu küssen; allein der Kardinal hat mir noch viele andere Gunstbezeigungen zuteil werden lassen und unter diesen auch solche, von denen er nicht einmal weiß, daß sie mir zur Kenntnis gekommen sind. Da müßte ich doch, nachdem ich seinen Willen bezüglich der Angelegenheit seiner Nichte gekannt habe, den Verstand verloren haben, wenn ich in einer so wichtigen Sache nicht mit ihm übereinstimmen würde. Es wäre indessen möglich, daß ich dieser Dame zur Beschwichtigung ihrer Tränen bei der Vorstellung der Schwierigkeiten ihres Eintrittes, wodurch ich sie von ihrem Vorhaben abzubringen suchte, ein und das andere Mal einige Hoffnungen bezüglich ihrer Aufnahme gemacht hätte; dies mag sie vielleicht auch auf die Meinung gebracht haben, als billigte ich ihren Eintritt; allein ich erinnere mich an nichts Bestimmtes in dieser Beziehung.
Fürwahr, ich trage große Liebe zu dieser Dame, und ich bin ihr diese Liebe auch schuldig. Darum wünschte ich, abgesehen von dem, was uns Karmelitinnen betrifft, daß sie in allem Erfolg habe, selbst dann, wenn es um meiner Sünden willen zur Ausführung ihres Vorhabens kommen sollte. Gestern sagte mir die Priorin des hiesigen Klosters, die von Medina hieher versetzt wurde und mit der jene Dame viel verkehrte, daß Doña Helena ihr mitgeteilt, sie habe das Gelübde gemacht, bei uns einzutreten, unter der Bedingung, daß es ihr möglich sei; würde man ihr aber erklären, daß Gott mehr gedient sei, wenn sie den Eintritt unterließe, so würde sie ihr Vorhaben aufgeben. Da diese Dame noch Kinder zu versorgen hat und ihre Schwiegertochter noch ganz jung ist, so bin ich doch der Ansicht, daß sie ihr Gelübde jetzt noch nicht erfüllen kann. Wenn Sie es für gut halten, so sagen Sie es, bitte, Seiner durchlauchtigsten Gnaden, damit sie wisse, von welcher Art das Gelübde ist. Einige Theologen, mit denen seine Nichte sich beraten hat, versetzen sie in Unruhe; und für eine Person von solcher Heiligkeit genügt das geringste Wort, um sie zu beruhigen.
Hätte ich Ihren Brief vor dem Schreiben der Frau Doña Luise empfangen, so würde er mir großes Herzeleid verursacht haben. Nun aber habe ich durch diese Freundin erfahren, daß Seine durchlauchtigste Gnaden von meiner Unschuld in diesem Punkte vollständig überzeugt ist. Gepriesen sei Gott für die mir erwiesene Gnade, daß ohne mein Wissen die Wahrheit ans Tageslicht kam! Denn nie in meinem Leben habe ich mich selbst zu rechtfertigen gesucht, so schuldlos ich mich auch halten mochte. Ich danke Ihnen von Herzen für die Nachricht, die Sie mir in dieser Hinsicht zukommen ließen; ich halte das für einen ganz besonderen Gnadenerweis und fühle mich aufs neue verpflichtet, Ihnen mit meinem armseligen Gebet um so eifriger zu dienen, obwohl ich bis zu dieser Stunde nie unterlassen habe, für Sie zu beten.
Was die Erlaubnis zur Stiftung eines Klosters in Madrid betrifft, so habe ich Seine durchlauchtigste Gnaden darum gebeten, weil ich glaube, dadurch zur Ehre unseres Herrn beizutragen. Überdies sind die Karmeliten und Karmelitinnen der Reform in mich gedrungen, diese Stiftung zu verwirklichen, weil sie alle der Ansicht sind, daß es für unsere Interessen von großer Wichtigkeit ist, in dieser Stadt ein Kloster zu besitzen. Da aber Seine durchlauchtigste Gnaden der Stellvertreter Gottes ist, so würde es mich gar nicht schmerzen, wenn sie diese Stiftung nicht für gut hielte. Ich würde dann annehmen, es gereiche dies mehr zur Ehre Gottes, weil sie dann nicht durch meine Scheu vor Beschwerden und Mühsalen unterbliebe; denn diese fehlen, ich versichere Sie, bei keiner unserer Stiftungen.
Was mich sehr tief schmerzen würde, wäre der Gedanke, Seine durchlauchtigste Gnaden sei in bezug auf die Anschuldigungen, die man gegen mich erhoben hat, noch nicht Vollkommen zufriedengestellt; denn ich liebe Seine Gnaden innig im Herrn. Mag auch dem Kardinal wenig daran gelegen sein, so ist es für mich doch ein Trost, daß er es wisse. So ist es auch mit unserer Liebe zu unserem Herrn, und doch will er nichts anderes als Liebe; wo aber wahre Liebe ist, da zeigt sie sich auch sogleich in Werken und in der Vermeidung alles dessen, was gegen seinen Willen ist. In Werken kann ich nunfreilich Seiner durchlauchtigsten Gnaden nicht dienen, wenn ich mich auch nie dem widersetzen werde, was ich als seinen Willen erkenne; seien Sie dessen versichert!
Vergessen Sie mich nicht in Ihren heiligen Opfern! Denn darüber sind wir miteinander übereingekommen. Da Sie die Mutter Priorin über meine Reisen wohl auf dem laufenden erhielt, so schreibe ich nichts davon. Hier in Soria bin ich, Gott sei Dank, gesünder als sonst gewöhnlich; und es ist für mich immer ein großer Trost, wenn ich erfahre, daß auch Seine durchlauchtigste Gnaden sich wohl befindet. Gott verleihe auch Ihnen die Gesundheit und jene Heiligkeit, um die ich ihn für Sie bitte! Amen.
Aus unserem Kloster zur heiligsten Dreifaltigkeit in Soria am letzten Juni.
Ihre unwürdige Dienerin
Theresia von Jesu
Anschrift: An den hochherrlichen Herrn Lizentiaten Peña, Beichtvater Seiner Eminenz des Kardinalerzbischofs von Toledo, meinen Gebieter.
