132. Brief — An Pater Hieronymus Gracián in Sevilla
Toledo, am 4. November 1576
Angelegenheiten verschiedener Klöster.
Jhs
Die Gnade des Heiligen Geistes sei allezeit mit Euerer Paternität!
In diesen letzten Tagen habe ich Ihnen mehrmals geschrieben. Gott gebe, daß diese Briefe an Sie gelangen mögen! Denn es stimmt mich traurig, wenn ich bedenke, wie viele Briefe ich an Sie gerichtet, wie wenige aber Euere Paternität, wie Sie sagen, erhalten.
Heute hat man mir die beiliegenden Briefe von Valladolid gebracht. Man berichtet mir, von Rom sei die Erlaubnis eingetroffen, daß Casilda Profeß ablegen dürfe, worüber sie hocherfreut sei. Es scheint mir nicht ratsam, daß Euere Paternität mit der Erteilung der Erlaubnis jetzt noch warten, bis Sie ihr selbst den Schleier geben können; denn wir kennen die Zufälle dieses Lebens nicht, und das Gewisseste ist auch das Beste. Schicken Sie mir also um der Liebe willen, und zwar der Sicherheit halber auf mehreren Wegen, diese Erlaubnis sogleich, damit dieser kleine Engel, dem sein Beruf schon so viele Leiden kostete, vor Ungeduld nach Erfüllung seines Verlangens nicht vergehe. Man hat Euerer Paternität jene schon bezeichnet oder man wird sie Ihnen bezeichnen, denen Casilda diese Mitteilung gemacht hat; einer von ihnen ist Pater Dominikus. Indessen werde ich, wenn ich Zeit finde, die Briefe lesen und Ihnen meinen Bericht, wenn er vollständiger ist, senden.
Es diene Ihnen zur Kenntnis, daß vor zwei Tagen Perucho mich hier besuchte. Er erzählte mir, wie der heilige Paulus die Christen verfolgte und wie er durch die Gnade Gottes berührt wurde. Dasselbe könne Gott auch an ihm tun und ihn umändern. Seine Bekehrung wird aber nach meinem Dafürhalten nur so lange währen, als er dabei sein eigenes Interesse findet. Er hält es für ganz gewiß, daß Paulus gegen sie alle vorgehen wird. Er werde, sagt er, der erste sein, der ihm freundliche Aufnahme zusichert. Er hat nämlich einen Bruder, den diese Nachtvögel ausgestoßen haben. Dieser ist nach seiner Beschreibung ein ganz heiliger Mann, ein vortrefflicher Prediger, kurz, ein Mann ohne Fehl. Er war früher Dominikaner und will nun bei den Adlern eintreten. Wenn er wirklich so ist [wie er sagt], so wird er nicht schaden, und als Prediger wäre er keine geringe Hilfe für uns. Leider kommt mir das Ganze wie eine Fabel vor. Ach, an diesem Mann soll ich einen guten Freund haben? Gott bewahre uns davor!
Jener, der den Platz zum Kloster schenkt, würde wünschen, daß in jeder Woche eine heilige Messe für ihn gelesen werde, dann würde er auch sechs gute Zellen herrichten lassen. Ich aber habe darauf geantwortet, Euere Paternität würden auf diesen Vorschlag nicht eingehen. Ich glaube, er ist auch mit weniger zufrieden, und vielleicht begnügt er sich, selbst wenn er nichts von allem erhält.
Ich fürchte, wir werden den Mathusalem verlieren. Sagen Sie mir nur, was Angela tun soll, falls er sterben wird. Sie würde sogleich von Gewissensangst gequält werden und fürchten, den Gehorsam zu verletzen, wenn sie sich das Kloster wählte, in dem sie sich aufhalten soll. Ich sehe wohl ein, daß dieses Haus zu weit entfernt ist und daß es der Laurentia dort wenigstens bezüglich ihrer Gesundheit viel schlimmer ergehen würde als in ihrem jetzigen Aufenthaltsort. Weil aber dort ihre Anwesenheit notwendiger ist, darum darf man darauf keine Rücksicht nehmen, wo es ihr besser gefällt; denn es wäre verkehrt, wenn man auf Erden darauf achten wollte. Am liebsten wäre es ihr freilich, bei ihrem Beichtvater Paulus sein zu können, da sie dort mehr Nutzen haben würde. Aber diesem Plane steht die beabsichtigte Klostergründung entgegen. Was die Besorgung der Angelegenheiten betrifft, so ist ihr gegenwärtiger Aufenthaltsort weniger geeignet als Ávila. Wollen Euere Paternität ihr Ihren Entschluß kundgeben, sei es nun auf was immer für eine Weise; Sie kennen sie ja. Würde der Nuntius sterben, so könnte sie vielleicht Ihre Entscheidung nicht mehr abwarten, wenn ihre hiesigen Beichtväter ihr davon abraten würden, und dies wäre für sie eine große Qual.
Erwägen Euere Paternität auch, ob der Umstand, daß der frühere Visitator ihr schon einen Aufenthaltsort angewiesen hat, im Wege stünde, daß man ihr einen anderen bestimmen oder daß sie selbst sich einen wählen könnte. Ist ihr Aufenthalt in Malagón nicht notwendig, so wäre es vielleicht vollkommener, wenn sie sich den Ort bestimmen ließe, als wenn sie ihn selbst sich auswählte. Überlegen Sie sich, mein Vater, diese Sache recht wohl; denn mag ihre Entscheidung das Rechte treffen oder das Verkehrte, sie kommt doch in die Öffentlichkeit. Ich glaube, daß dies nicht lange dauern wird, da wir einen anderen Mathusalem bekommen werden; aber es kann auch das Gegenteil eintreten.
O mein Gott, welch einer Freiheit des Geistes erfreut sich diese Frau bei allen Vorkommnissen des Lebens! Sie kann gar nicht glauben, daß etwas hereinbrechen werde, was ihr oder ihrem Paulus schaden könnte. Etwas außerordentlich Großes sind die Ansprachen Josephs, da sie solche Zuversicht bewirken. Aber auch welch hohe Wissenschaft und welche Beredsamkeit besitzt nicht Paulus! Man muß Gott dafür preisen. Empfehlen Sie diese Angelegenheit dem Herrn und antworten Sie mir um der Liebe willen. Diese Antwort kann nie schaden, allein großen Nachteil könnte es bringen, wenn man den Ansichten anderer folgen würde.
Wir empfehlen Gott eifrig den Mathusalem und den großen Engel, um den ich noch mehr bekümmert bin, ohne jedoch zu wissen, aus welchem Grunde. Die göttliche Majestät verleihe ihm Gesundheit! Euere Paternität aber wolle mir der Herr noch viele Jahre in großer Heiligkeit erhalten! Amen, Amen.
Heute ist der 4. November.
Euerer Paternität unwürdige Untergebene und wahre Tochter
Theresia von Jesu
