119. Brief — An Pater Hieronymus Gracián in Sevilla
Toledo, am 5. Oktober 1576
Verschiedene Angelegenheiten und Mitteilungen.
Jhs
Die Gnade des Heiligen Geistes sei mit Euerer Paternität, mein Vater!
Wäre der Brief nicht angekommen, den Euere Paternität über Madrid gesandt haben, so würde ich übel daran sein. Denn heute ist bereits der Tag nach dem Feste des heiligen Franziskus, und Pater Anton ist noch immer nicht eingetroffen, und bis ich Ihren Brief gelesen, hatte ich noch nichts erfahren, ob Sie auch gut angekommen sind. Gelobt sei Gott, daß dem so ist und daß auch Paulus wohl und im Besitze des inneren Friedens ist. Es scheint in der Tat etwas Übernatürliches zu sein, da dergleichen Erlebnisse so mächtig zu unserer Verdemütigung und Selbsterkenntnis beitragen. Ich habe den Herrn inständig um diesen Frieden für ihn gebeten; denn ich glaube, daß die äußeren Leiden, die er zu tragen hat, genügen. Sagen Euere Paternität ihm dieses in meinem Namen.
Ich für meine Person bin gegenwärtig ohne jedes Leiden. Wo das hinaus will, weiß ich nicht. Man hat mir hier eine abgesonderte Zelle gegeben. Sie ist wie eine Einsiedelei und sehr freundlich. Ich bin gesund und fern von Verwandten, die mich allerdings durch Briefe zu finden wissen. Das einzige, was mir schwerfällt, ist der Kummer über die Verhältnisse in Sevilla. Wenn übrigens Euere Paternität willens waren, daß ich da bleibe, wo es mir gefällt, so versichere ich Sie, daß Sie es gut getroffen haben, indem Sie mir das hiesige Kloster zu meinem Aufenthaltsorte angewiesen haben. Und selbst in Hinsicht auf das Peinliche, von dem ich gesprochen, bin ich mehr beruhigt als sonst.
Gestern abends las ich die Geschichte über Moses und die Leiden, die er durch jene Plagen dem König und dem ganzen Reiche bereitete, ohne daß sich jemand an seiner Person vergriff. Da mußte ich wirklich staunen, und es war mir eine Freude, zu sehen, wie niemand imstande ist, zu schaden, außer es sei Gottes Wille. Es war mir eine Freude, hinzuschauen auf das Note Meer, und ich dachte mir, wie weit weniger das ist, um was wir bitten, als was dort geschah. Es war mir eine Freude, diesen heiligen Mann auf Befehl Gottes in solchen Kämpfen zu sehen, und Jubel erfüllte meine Seele, als ich meinen Elisäus in ähnlicher Lage sah. Ich habe ihn aufs neue dem Herrn aufgeopfert. Ich gedachte der Gnaden, die mir Joseph erwiesen, und der Worte, die er zu mir gesprochen: »Noch weit Größeres wirst du schauen zur Ehre und Verherrlichung Gottes.« Ich verging fast vor Verlangen, mich in seinem Dienste in tausend Gefahren zu sehen. Unter solchen und ähnlichen Dingen fließt mein Leben dahin. Und so habe ich auch diese einfältigen Dinge, die Sie hier lesen, geschrieben.
Jetzt werde ich mit der Beschreibung der Klosterstiftungen beginnen; denn Joseph hat mich versichert, daß sie vielen Seelen zur Förderung dienen werden. Wenn Gott mir hilft, so will ich es hoffen. Übrigens war ich, abgesehen davon, was Joseph mir sagte, schon entschlossen, es zu tun, da Euere Paternität es mir befohlen hatten.
Es hat mich sehr gefreut, daß Sie im Kapitel einen so ausführlichen Bericht erstattet haben. Ich begreife nicht, wie man sich nicht schämt, das Gegenteil davon geschrieben zu haben. Es ist sehr gut, daß jene jetzt freiwillig gehen, die später vielleicht nur gezwungen gehen würden. Mir scheint, daß unser Herr die Leitung dieser Angelegenheiten selbst in die Hand nehme; möge er sie zu seiner Ehre und zum Heile jener Seelen gnädig zu Ende führen! Euere Paternität werden sehr gut tun, wenn Sie von Ihrem Kloster aus den Beschuhten befehlen, was geschehen muß, damit jene nicht darnach spähen, ob Sie in den Chor gehen oder nicht. Ich versichere Sie, daß alles besser werden wird. Hier läßt man es an Gebeten nicht fehlen. Es sind dies bessere Waffen als die, deren sich jene [beschuhten] Väter bedienen.
Durch Vermittlung des Generalbotenmeisters habe ich an Euere Paternität einen langen Brief gesandt. Bis ich weiß, ob Sie ihn erhalten haben, sende ich die Briefe nicht mehr auf diesem Wege, sondern über Madrid. Was die Angelegenheit des David betrifft, so glaube ich, er werde den Pater Esperanza hintergehen, wie er es gewöhnlich macht.
Es sind wieder alle beisammen, und sein Bruder unterstützt ihn. Pater Bonaventura wird gewiß viel vermögen, wenn er ins Mittel tritt; er ist sehr glücklich, daß Sie und er von dem Stand der Sache unterrichtet sind. Gott möge mir verzeihen! Aber ich wünschte sehr, daß dieser Pater in seinem ersten Berufe verbliebe, denn ich fürchte, er werde uns nur in Verlegenheit bringen. Seitdem ich hier bin, habe ich nichts anderes erfahren.
Euerer Paternität Tochter und Dienerin
Theresia von Jesu
